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»Gehen Sie doch zum Sozialamt«junge Welt vom 06.05.2004
Skandalöser Umgang mit Patienten durch immer höhere Zuzahlungen – ein Fallbericht Helga Schönwald Monika Awad mußte sich Geld borgen – für Überlebensmittel: Medikamente. Im Januar war die 42jährige gezwungen, ihre Mutter um Geld zu bitten, weil mit der sogenannten Gesundheitsreform die Zuzahlungsbefreiung für chronisch Kranke gestrichen worden war. Noch heute ist die zerbrechliche Frau, die in Folge Multipler Sklerose nicht mehr laufen, nur noch verkrampft sitzen oder liegen und auch die Hände nur noch wenig bewegen kann, empört. »800 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente, 39 Euro Wohngeld, davon jeden Monat 500 Euro Miete plus 50 Euro Bewag. Und plötzlich sollte ich im Januar 80 Euro für meine Medikamente zuzahlen.« Auf die Frage, ob ihre Krankenkasse AOK ihr vielleicht eine Stundung angeboten, sie wenigstens als schwer betroffene Patientin informiert hat, lacht die wie durchscheinend wirkende Kranke bitter. »Ja, einen Brief haben sie mir geschickt, aber nur, um mir mitzuteilen, daß meine Zuzahlungsbefreiung ab 1. Januar nicht mehr gilt.« Anfang des Jahres »hatten sie alle null Durchblick«, erinnert sich Monika Awad an die enorme Unsicherheit über das »Wie weiter?«. Die Kasse hat sie bei telefonischer Nachfrage nicht einmal dahingehend beruhigt, daß sie auf jeden Fall als chronisch krank zähle und also »nur« bis zu einem Prozent ihres Jahreseinkommens zuzahlen muß. Bei Monika Awad sind das 110 Euro. Unmöglich, die von etwa 290 Euro, die für Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs im Monat bleiben, zu bezahlen.
»Dann müssen Sie zum Sozialamt gehen«, war der
»Rat« der Krankenkassenmitarbeiterin: Die 42jährige braucht einen
Rollstuhl und Begleitung. Und sie brauchte dringend die Arzneimittel, auch
starke Schmerztherapeutika, wußte aber von anderen, wie lange Genehmigungen
des Sozialamts dauern. Blieb also nur die Bitte an die Mutter, Rentnerin, die
ohnehin schon oft Bekleidung für ihre Tochter kauft.
Inzwischen hat ihr arbeitsloser Freund mit den Quittungen über die Zuzahlungen bei Medikamenten und Krankengymnastik die Befreiung für den Rest des Jahres bei der AOK für die MS-Kranke bekommen. Trotzdem muß sie weiter zahlen: Das Kreislaufmittel, das sie wegen ihres viel zu niedrigen Blutdrucks braucht, gehört zu den nichtrezeptpflichtigen Medikamenten. Obwohl sie es im Zusammenhang mit ihrer schweren chronischen Erkrankung benötigt, bekommt sie es seit Januar nicht mehr von der Krankenkasse bezahlt. »11,40 Euro kostet es und reicht 50 Tage«, muß die 42jährige genau wissen. Denn das sind im Jahr rund 83 Euro. Monika Awad ist kein Einzelfall. Doch trotz der immer stärkeren finanziellen Belastungen der Patienten gehen die Ausgaben der Kassen für Medikamente nach Medienberichten kaum zurück. Im März lagen sie nur noch um 1,6 Prozent unter denen des Vorjahresmonats. Gewinner ist die Pharmaindustrie. ----------------------- Adresse: http://www.jungewelt.de/2004/05-06/012.php Ausdruck erstellt am 05.05.2004 um 21:44:13 Uhr © http://www.jungewelt.de Posted: Mi - Mai 5, 2004 at 09:46 nachm. > |
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